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Ein höhenverstellbarer Schreibtisch vor einem Raumtrenner mit Kommode in einem warm und offen eingerichtetem Büro.© Palmberg

CULTURE

Neuroinklusives Büro: Wie man für Gehirne plant, die es wirklich gibt

Ein neuroinklusives Büro ist eines, das nicht für den Durchschnittskopf gebaut wird, sondern für die große Spanne echter Menschen. Denn: Rund 15 bis 20 Prozent von uns sind neurodivergent. Und auch der Rest sitzt irgendwo auf dem Reizspektrum. Wie Sie die neuroinklusive Planung in sieben Schritten angehen.

von Hannes Hilbrecht

INP_Autor_Hannes_Hilbrecht

Über den Autor

Hannes Hilbrecht schreibt seit Jahren über die Zukunft der Arbeit und über klug gestaltete Büros. Unter anderem in inperspective snacks, dem Newsletter-Format von PALMBERG. Alle zwei Wochen schicken wir inspirierende Denkanstöße und spannendes Wissen an Innenarchitektinnen und Planer. Snackable aufbereitet. Auf den Punkt gebracht. Immer unterhaltend und originell.

In der griechischen Sage betrieb ein Mann namens Prokrustes ein Gasthaus an der Straße nach Athen. Er besaß ein eisernes Bett und eine einfache Regel: Jeder Gast musste exakt hineinpassen. Wer zu lang war, dem sägte er die überstehenden Beine ab. Wer zu kurz war, den reckte er in die Länge, bis es passte. Nie wurde das Bett dem Gast angepasst. Immer der Gast dem Bett.

Wir finden das barbarisch. Und richten trotzdem oft genug genau so unsere Büros ein.

Ein Grundriss, ein Lärmpegel, eine Lichtfarbe, eine Temperatur, und alle sollen hineinpassen. Wer es nicht tut, wer den Lärm nicht wegfiltert, das Flackern sieht, die Kälte spürt, gilt als empfindlich. Willkommen im prokrustischen Büro. Das Bett steht heute nur aus Beton, Teppich und Akustikschaum.

 

Das Bett aus Beton und Teppich

Ein Beispiel für die prokrustische Planung im Büro ist unsichtbar: die Klimaformel. Die Regel, nach der viele Büros ihre Temperatur einstellen, stammt aus den 60ern. Sie rechnet mit dem Stoffwechsel eines Mannes: 40 Jahre, 70 Kilo, schlank. Eine Studie der Universität Maastricht legt nahe, dass die Formel den Wärmeumsatz von Frauen um bis zu 35 Prozent überschätzt.

Deshalb sitzt Ihre Kollegin im Juli in der Fleecejacke, während der Kollege im Hemd schwitzt. Ein Bett, zugeschnitten auf einen einzigen Gast.

Prokrustes' eigentlicher Kernfehler war nicht die Säge. Es war der Glaube, es gäbe einen Normgast, der ins Bett passt. Den gibt es nicht. Nicht beim Körper, und beim Gehirn erst recht nicht.

Die Lösung: Ein neuroinklusives Büro.

 

Was ein neuroinklusives Büro wirklich ist

Die kurze Definition: Ein neuroinklusives Büro ist ein Arbeitsplatz, der bewusst für unterschiedliche Wahrnehmungs- und Verarbeitungsweisen gestaltet wird. Es senkt Reizüberflutung, gibt Wahlmöglichkeiten und macht Orientierung leicht.

Den Begriff Neurodiversität prägte, so die verbreitete Zuschreibung, die australische Soziologin Judy Singer ab dem Jahr 1998. Die jüngere Forschung verortet den Ursprung breiter, in der autistischen Community der späten 1990er. Die Idee hinter Neurodiversität?

Es gibt nicht das eine richtige Gehirn, sondern viele Bauarten. Rund 15 bis 20 Prozent der Menschen sind neurodivergent. Sie haben also ADHS, Autismus, Legasthenie oder andere Varianten. Das ist eine Schätzung mit weiten Rändern, aber die Größenordnung stimmt. Jede fünfte bis sechste Person hat deutliche andere Bedürfnisse als vermeintlich klassische Wissensarbeitende.

Und »anders« heißt hier eindeutig nicht »weniger gut«. In der richtigen Umgebung wird aus der Besonderheit eine Stärke. Hiren Shukla, der bei der Beratungsfirma EY ein weltweites Neurodiversitäts-Programm aufgebaut hat, beschreibt es so: Wenn Können, Eignung und Interesse zusammenkommen, entstehe ein Grad an Fokus, mit dem diese Mitarbeitende viele andere überträfen. Gemeint sind Fähigkeiten, die gerade im Großraum oft untergehen. Mustererkennung, Detailtreue, ausdauernde Konzentration.

Und hier liegt die unbequeme Wahrheit. Reiz ist keine Ja-Nein-Frage. Jeder Mensch sitzt irgendwo zwischen »zu laut« und »zu still«, zwischen »zu grell« und »zu fad«. Auch Sie. Auch Ihre ruhigste Kollegin, die nie was sagt. Neuroinklusives Design wird trotzdem gern als Chichi verkauft, als Add-on für den Diversitätsbericht. Von manchen wird sie sogar als »woke« geschmäht. Falsch! Spezielle Räume sind keine Extrawurst. Sie sind der Verzicht auf das Sägen, um in der Sage zu bleiben.

Ein hell gestaltetes Büro mit grünen Deckenelementen und grünen Wandverkleidungen.
© PALMBERG

Die Checkliste: Sieben Schritte, um das Büro umzubauen

Es gibt für neuroinklusives Design sogar einen genormten Standard. Die britische PAS 6463 mit dem Titel »Design for the mind«, 2022 von der British Standards Institution veröffentlicht, ist die erste Leitlinie ihrer Art fürs Bauen für unterschiedliche Reizverarbeitung. Fachleute fassen ihr Ziel in drei Worten: Klarheit, Kontrolle, Ruhe.

1

Lärm bekommt Zonen. Bauen Sie eine Karte an Umgebungen. Laute Kollaborationsflächen, mittellaute Standardplätze, echte Stillzonen. Und die Betonung liegt auf echt, mit Absorption und Dämmung, nicht mit einem Schild an der Glastür. Hoch wirksame Akustikelemente finden Sie hier bei PALMBERG.

2

Licht, das nicht sticht. Die BBC hat für ihre Gebäude eine eigene Umgebungs-Checkliste gebaut. Sie achtet eigens auf glänzende Oberflächen und darauf, wie Licht durch Fenster fällt und Reflexionen wirft. Übersetzt: viel Tageslicht, warmes und regelbares Kunstlicht, matte statt spiegelnde Flächen. Blendung ist kein Detail. Sie frisst Konzentration.

3

Ein Rückzug, den man einfach nimmt. Ein Ruheraum, den man beim Chef beantragen muss, ist keiner. Er ist eine Hürde mit Klinke. Machen Sie ihn selbstverständlich, offen zugänglich, ohne Rechtfertigung. Genau das meint die PAS mit Kontrolle: Menschen dosieren ihre Reize selbst.

4

Orientierung ohne Rätselraten. Klare Beschilderung, große Schrift, ein Grundriss, der sich nicht wie ein Escape Room anfühlt. Die BBC-Liste prüft dafür sogar Muster, Farben und ihre Kontraste. Vorhersehbarkeit senkt den Puls, lange bevor jemand »überreizt« sagt. Das ist Klarheit.

5

Regler statt Vorschrift. Der stärkste Hebel ist Verstellbarkeit. Licht, Luft und Temperatur, die sich am Platz oder im Pod individuell einstellen lassen. Was der eine als angenehm empfindet, ist für die andere schon zu viel. Ein einziger fixer Wert fürs ganze Haus ist der Prokrustes in Reinform.

6

Grün ist keine Deko. Ein Team um den Psychologen Marlon Nieuwenhuis verglich 2014 karge Büros mit begrünten, in zwei echten Firmen. Schon ein paar Pflanzen steigerten die Produktivität um 15 Prozent. Dazu duftarme Zonen und ruhige Oberflächen ohne grelle Großmuster. Was Auge und Nase beruhigt, beruhigt den Kopf.

7

Fragen Sie die, für die Sie planen. Der wichtigste Schritt kostet nichts: Planen Sie nicht über die Köpfe neurodivergenter Menschen hinweg. Die PAS 6463 empfiehlt ausdrücklich, Betroffene früh einzubinden. Die Benennung eines Inklusionsverantwortlichen ist ratsam. Die BBC-Checkliste ist genau so entstanden, aus gelebter Erfahrung, nicht am Reißbrett.

Das Schöne: Fast jeder dieser Hebel hilft nicht nur einer Minderheit. Weniger Blendung, klarere Wege, echte Stille. Zeigen Sie mir den Kollegen, der sich darüber beschwert.

 

Nicht Theorie: Wer es schon baut

Das ist kein Zukunftslabor. EY betreibt mehrere »Neuro-Diverse Centers of Excellence«, unter anderem in Philadelphia, Boston und Chicago. Diese sind ausgestattet mit ruhigen Zonen, Noise-Cancelling und regelbarem Licht. Und es rechnet sich sichtbar. Am ersten Standort in Philadelphia fand das Team schon im ersten Monat Verbesserungen, die die technische Einarbeitungszeit halbierten. In Boston kommen 25 bis 30 Prozent der neurodivergenten Beschäftigten freiwillig zurück ins Büro, weil sie dort produktiver sind. Freiwillig, wohlgemerkt. Und das in Zeiten, in denen alle über Anwesenheitspflicht streiten.

EY ist kein Sonderfall. Auch Microsoft und SAP haben eigene Einstellungsprogramme für autistische Talente aufgelegt. Wer das Büro umbaut, betreibt keine Wohltätigkeit. Er verschafft sich Zugang zu Können, das anderswo an der Tür abgewiesen wird.

 

Und wie ging es mit Prokrustes aus?

Prokrustes kam am Ende selbst ins Bett. Der Held Theseus zwang ihn hinein, auf genau die Art, die der Wirt für seine Gäste vorgesehen hatte. Die Moral fürs Büro ist unblutiger, aber gleich: Hören Sie auf, am Gast zu sägen.

Ein höhenverstellbarer Schreibtisch steht hinter einem Raumtrenner aus Stoff und Holzelementen.
© PALMBERG

Häufige Fragen

Ein neuroinklusives Büro ist ein Arbeitsplatz, der bewusst für unterschiedliche Wahrnehmungs- und Verarbeitungsweisen gestaltet ist, statt für einen erfundenen Durchschnittsmenschen. Es reduziert Reizüberflutung, bietet Wahlmöglichkeiten zwischen lauten und ruhigen Zonen und macht Orientierung leicht. Der Grundgedanke: Was neurodivergenten Menschen hilft, macht die Arbeit für alle angenehmer.

Neurodiversität beschreibt die natürliche Vielfalt menschlicher Gehirne. Den Begriff prägte, so die gängige Zuschreibung, die Soziologin Judy Singer ab 1998; jüngere Forschung sieht den Ursprung breiter. Am Arbeitsplatz heißt das: Menschen mit ADHS, Autismus, Legasthenie oder Hochsensibilität verarbeiten Reize und Informationen anders, nicht schlechter. Oft bringen sie besondere Stärken mit, etwa hohe Konzentration oder ein scharfes Auge für Muster und Fehler.

Schätzungen liegen bei rund 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung, also etwa jede fünfte bis sechste Person. Die Spanne ist groß, weil es keine einheitliche Definition gibt und viele Menschen nie eine Diagnose erhalten. Sicher ist: Es ist kein Randphänomen, sondern in fast jedem Team Realität.

Die wirksamsten Hebel sind Akustik, Licht und Rückzug. Also: echte Ruhezonen und Akustiklösungen, warmes, dimmbares Licht ohne Flackern, sowie frei zugängliche Rückzugsräume ohne Antrag. Dazu klare Wegeführung, Grün im Raum und die Möglichkeit, Temperatur und Umgebung selbst anzupassen. Fachleute fassen die Prinzipien des britischen Standards PAS 6463 zusammen als Klarheit, Kontrolle und Ruhe.

Die PAS 6463 »Design for the mind« ist ein 2022 von der British Standards Institution veröffentlichter Leitfaden, der erste seiner Art, der das Bauen für neurodivergente Menschen regelt. Er behandelt Licht, Akustik, Material, Böden, Wegeführung, Temperatur und Gerüche. Fachleute fassen sein Ziel als Klarheit, Kontrolle und Ruhe zusammen.

Meist kostet es nicht mehr, sondern anders geplant. Viele Hebel wie besseres Licht, Pflanzen oder klare Zonierung sind günstig. Dem stehen handfeste Kosten des Nichtstuns gegenüber: Eine dänische Studie fand 62 Prozent mehr Krankheitstage im Großraum. Dazu kommt der Zugang zu Talent, das sonst gar nicht erst bleibt. Firmen wie EY berichten von messbaren Produktivitätsgewinnen.

Allen. Reiz ist kein Ja-oder-Nein, sondern ein Spektrum, auf dem jeder Mensch irgendwo sitzt. Weniger Lärm, besseres Licht und klare Orientierung senken die Belastung für die gesamte Belegschaft. Neuroinklusives Design ist damit im Kern universelles Design.

Quellen

  • Prokrustes: griechische Sage, überliefert unter anderem bei Plutarch (»Leben des Theseus«) und Apollodor.
  • Begriff »Neurodiversität«: gilt als geprägt von der australischen Soziologin Judy Singer (Thesis 1998); jüngere Forschung (Botha u. a. 2024) verortet den Ursprung kollektiv, unter anderem beim Journalisten Harvey Blume und der autistischen Online-Community.
  • »Double Empathy Problem«: Damian Milton (2012), Disability & Society; empirische Stützung u. a. Crompton u. a. (2020).
  • AS 6463:2022, British Standards Institution: »Design for the mind. Neurodiversity and the built environment«. Die Zusammenfassung als Klarheit, Kontrolle, Ruhe ist eine Fachlesart des Normziels.
  • BBC-Umgebungs-Checkliste: Sean Gilroy und Leena Haque, BBC Neurodiversity and Cognitive Design.
  • Pflanzen und Produktivität: Nieuwenhuis, Knight, Postmes und Haslam (2014), Journal of Experimental Psychology: Applied. Feldstudie in zwei echten Büros, plus 15 Prozent.
  • EY »Neuro-Diverse Centers of Excellence« (Philadelphia, Boston u. a.): Einarbeitungszeit halbiert, 25 bis 30 Prozent Rückkehr ins Büro; Aussage von Programmleiter Hiren Shukla. Unternehmenseigene Angaben.
  • Microsoft und SAP: eigene Einstellungsprogramme für autistische Talente.
     

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