In der griechischen Sage betrieb ein Mann namens Prokrustes ein Gasthaus an der Straße nach Athen. Er besaß ein eisernes Bett und eine einfache Regel: Jeder Gast musste exakt hineinpassen. Wer zu lang war, dem sägte er die überstehenden Beine ab. Wer zu kurz war, den reckte er in die Länge, bis es passte. Nie wurde das Bett dem Gast angepasst. Immer der Gast dem Bett.
Wir finden das barbarisch. Und richten trotzdem oft genug genau so unsere Büros ein.
Ein Grundriss, ein Lärmpegel, eine Lichtfarbe, eine Temperatur, und alle sollen hineinpassen. Wer es nicht tut, wer den Lärm nicht wegfiltert, das Flackern sieht, die Kälte spürt, gilt als empfindlich. Willkommen im prokrustischen Büro. Das Bett steht heute nur aus Beton, Teppich und Akustikschaum.
Das Bett aus Beton und Teppich
Ein Beispiel für die prokrustische Planung im Büro ist unsichtbar: die Klimaformel. Die Regel, nach der viele Büros ihre Temperatur einstellen, stammt aus den 60ern. Sie rechnet mit dem Stoffwechsel eines Mannes: 40 Jahre, 70 Kilo, schlank. Eine Studie der Universität Maastricht legt nahe, dass die Formel den Wärmeumsatz von Frauen um bis zu 35 Prozent überschätzt.
Deshalb sitzt Ihre Kollegin im Juli in der Fleecejacke, während der Kollege im Hemd schwitzt. Ein Bett, zugeschnitten auf einen einzigen Gast.
Prokrustes' eigentlicher Kernfehler war nicht die Säge. Es war der Glaube, es gäbe einen Normgast, der ins Bett passt. Den gibt es nicht. Nicht beim Körper, und beim Gehirn erst recht nicht.
Die Lösung: Ein neuroinklusives Büro.
Was ein neuroinklusives Büro wirklich ist
Die kurze Definition: Ein neuroinklusives Büro ist ein Arbeitsplatz, der bewusst für unterschiedliche Wahrnehmungs- und Verarbeitungsweisen gestaltet wird. Es senkt Reizüberflutung, gibt Wahlmöglichkeiten und macht Orientierung leicht.
Den Begriff Neurodiversität prägte, so die verbreitete Zuschreibung, die australische Soziologin Judy Singer ab dem Jahr 1998. Die jüngere Forschung verortet den Ursprung breiter, in der autistischen Community der späten 1990er. Die Idee hinter Neurodiversität?
Es gibt nicht das eine richtige Gehirn, sondern viele Bauarten. Rund 15 bis 20 Prozent der Menschen sind neurodivergent. Sie haben also ADHS, Autismus, Legasthenie oder andere Varianten. Das ist eine Schätzung mit weiten Rändern, aber die Größenordnung stimmt. Jede fünfte bis sechste Person hat deutliche andere Bedürfnisse als vermeintlich klassische Wissensarbeitende.
Und »anders« heißt hier eindeutig nicht »weniger gut«. In der richtigen Umgebung wird aus der Besonderheit eine Stärke. Hiren Shukla, der bei der Beratungsfirma EY ein weltweites Neurodiversitäts-Programm aufgebaut hat, beschreibt es so: Wenn Können, Eignung und Interesse zusammenkommen, entstehe ein Grad an Fokus, mit dem diese Mitarbeitende viele andere überträfen. Gemeint sind Fähigkeiten, die gerade im Großraum oft untergehen. Mustererkennung, Detailtreue, ausdauernde Konzentration.
Und hier liegt die unbequeme Wahrheit. Reiz ist keine Ja-Nein-Frage. Jeder Mensch sitzt irgendwo zwischen »zu laut« und »zu still«, zwischen »zu grell« und »zu fad«. Auch Sie. Auch Ihre ruhigste Kollegin, die nie was sagt. Neuroinklusives Design wird trotzdem gern als Chichi verkauft, als Add-on für den Diversitätsbericht. Von manchen wird sie sogar als »woke« geschmäht. Falsch! Spezielle Räume sind keine Extrawurst. Sie sind der Verzicht auf das Sägen, um in der Sage zu bleiben.