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Eine Frau liegt mit Kopfhörer auf einem Sofa in einem gemütlich eingerichteten Raum, der im Büro zur Erholung dient.© KI-generierte Illustration

WELLBEING

Ruheraum im Büro gestalten: Die Anatomie der Erholung

Jedes Büro hat Räume, die hochfahren: Meeting, Küche, Kollaboration. Nur den einen, der herunterfährt, hat fast keiner. Warum der Ruheraum die fehlende Hälfte ist, und wie man ihn baut.

von Hannes Hilbrecht

INP_Autor_Hannes_Hilbrecht

Über den Autor

Hannes Hilbrecht schreibt seit Jahren über die Zukunft der Arbeit und über innovativ gestaltete Büros. Unter anderem in inperspective, dem Magazin von PALMBERG. Dieses Thema behandelten wir zuerst in inperspective snacks. Alle zwei Wochen schicken wir inspirierende Denkanstöße und spannendes Wissen an Innenarchitektinnen und Planer. Snackable aufbereitet. Auf den Punkt gebracht. Immer unterhaltend und originell.

Stellen Sie sich einen Menschen vor, eine Stunde vor dem Termin, der über etwas entscheidet. Der Kopf rast, die Konzentration ist weg, und er weiß es. Nur: kann er es auch anhalten?

Was der Mensch jetzt braucht, ist simpel: Fünf Minuten, in denen es einmal leise wird. Und dann kommt die Frage, an der alles scheitert. Wohin?

Im Großraum ist es hell, laut, voll. Am eigenen Schreibtisch die Augen zu machen fühlt sich an wie Einschlafen im Gewusel einer Fußgängerzone. Fast jedes Büro hat Räume, die die Leute hochfahren, meistens mehrere: das grelle Meeting, die summende Küche, die Kollaborationszone mit den knalligen Sofas. Nur einen, der sie wieder herunterfährt, gibt es fast nirgends.

Genau diesen Raum planen die wenigsten. Dabei ist er kein Luxus. Er ist die fehlende Hälfte eines gesunden Büros. Dieser Text zeigt, warum er wirkt, was das Gesetz dazu sagt, und wie Sie ihn in fünf Schritten bauen.

 

Was ist ein Ruheraum, und was ihn von der Kaffeeküche unterscheidet

Ein Ruheraum ist ein abgeschirmter Bereich im Büro, dessen einzige Aufgabe es ist, Reize zu reduzieren, damit Beschäftigte kurz abschalten und sich erholen können. Das klingt banal, ist aber die entscheidende Abgrenzung. Die Kaffeeküche gibt Reize: Gespräch, Geräusch, Kaffeeduft, Betrieb. Der Meetingraum gibt Reize: Bildschirm, Aufgabe, Blicke. Der Ruheraum tut das Gegenteil. Er nimmt weg.

Man kann ihn als fotografisches Negativ der Kollaborationszone verstehen. Dunkel statt grell. Still statt summend. Ein Ort zum Zurücklehnen, nicht zum Auftreten. Wer einen zweiten Meetingraum mit weicheren Sofas baut, hat keinen Ruheraum gebaut, sondern einen weiteren Ort, an dem gearbeitet wird.

 

Warum ein Ruheraum wirkt: die Wissenschaft

Erholung im Büro ist kein Wohlfühl-Thema, sie ist messbar. Drei Befunde reichen, um zu zeigen, wie viel in wenigen ruhigen Minuten steckt.

»Man kann sich nicht aus der Anspannung herauskonzentrieren.«

Eine grüne Sitzgelegenheit im Look eines Strandkorbs steht in einem Büro zum Entspannen bereit. Daneben stehen eine Pflanze und ein Regal mit Zeitschriften.

Was Stress im Kopf anrichtet

Unter Druck schaltet der Körper auf Alarm. Der Puls steigt, der Atem wird flach, der Blick verengt. In diesem Zustand denkt niemand klar, egal wie sehr er sich anstrengt. Man kann sich nicht aus der Anspannung herauskonzentrieren. Man kann sie nur herunterfahren. Und dafür braucht der Körper einen Ort, der aufhört, ihn zu reizen.

 

Der doppelte Seufzer, der schneller beruhigt als Meditation

Es gibt eine Atemtechnik, die den Alarm binnen Minuten dämpft. Zweimal kurz durch die Nase einatmen, der zweite Zug ist nur ein kurzes Nachtanken, dann lang und langsam durch den Mund aus. Ein Forschungsteam um Andrew Huberman und David Spiegel an der Universität Stanford zeigte 2023, dass fünf Minuten dieses sogenannten cyclic sighing die Stimmung stärker heben und die Atmung deutlicher beruhigen als eine gleich lange Meditation. Die lange Ausatmung schaltet den Körper dabei vom Alarm zurück auf Ruhe.

Kostenlos, überall machbar, aber eben nur an einem Ort, an dem man nicht alle drei Sekunden angesprochen wird.

 

Der Powernap und die 26-Minuten-Zahl

Der stärkste Hebel ist der kurze Schlaf. Die NASA untersuchte Mitte der Neunziger die Übermüdung ihrer Langstreckenpiloten und fand einen präzisen Wert: Ein Nickerchen von rund 26 Minuten steigerte die Wachheit um 54 Prozent und die Leistung um 34 Prozent.

Länger sollte er nicht sein, sonst rutscht man in den Tiefschlaf und wacht wie gerädert auf. Google, die NASA selbst und Kliniken des britischen Gesundheitsdiensts stellen ihren Leuten deshalb längst Schlafkapseln hin. Kein Schnickschnack, sondern Infrastruktur fürs Gehirn.

 

Lärm, der unsichtbare Erschöpfer

Und dann ist da der Gegner, den man nicht sieht, nur hört. Dauerlärm im Großraum nervt nicht nur, er kostet Kraft. Das Gehirn filtert Stimmen und Geräusche den ganzen Tag im Hintergrund weg, und diese Kraft fehlt am Nachmittag woanders. Ein Ruheraum ist der einzige Ort, an dem dieser Dauerbetrieb für einen Moment aufhört.

 

Ist ein Ruheraum im Büro Pflicht? Die Rechtslage in Kürze

Kurz und klar, weil diese Frage oft falsch beantwortet wird: Ein eigener Ruheraum ist für reine Büros in Deutschland grundsätzlich keine gesetzliche Pflicht.

Die Grundlage ist die Arbeitsstättenregel ASR A4.2. Sie verlangt einen Pausenraum, sobald mehr als zehn Beschäftigte gleichzeitig in der Arbeitsstätte tätig sind. Für Büroräume aber sieht die Regel ausdrücklich vor, dass auf einen eigenen Pausenraum verzichtet werden kann, weil das Büro selbst als Ort der Erholung taugt.

Eine Ausnahme gilt unabhängig von der Personenzahl bei besonderen Belastungen wie Hitze, Kälte oder starkem Lärm, und eine eigene Regel schreibt für schwangere und stillende Frauen eine Liegemöglichkeit zum Ausruhen vor.

Heißt übersetzt: Wer einen Ruheraum baut, tut das in der Regel nicht, weil er muss, sondern weil er klüger plant als der Mindeststandard. Im Zweifel lohnt der Blick in die ASR A4.2 oder das Gespräch mit der Fachkraft für Arbeitssicherheit.

In 5 Schritten zum Ruheraum: die Anatomie des Bauplans

Ein guter Ruheraum entsteht nicht durch ein Sofa in der leeren Ecke. Er hat eine Anatomie, eine Reihenfolge aus fünf Teilen, die aufeinander aufbauen. Fehlt eines, trägt das Ganze nicht.

1

Schritt: Lage und Zonierung

Suchen Sie den ruhigsten Punkt im Büro, weg von den Verkehrswegen, weg von Küche, Drucker und Empfang. Ein Ruheraum neben der Kaffeemaschine ist ein Rohrkrepierer. Erholung braucht Abstand vom Betrieb, nicht die beste Aussicht.

2

Schritt: Akustik zuerst

Die Akustik ist das Skelett dieser Anatomie. Steht sie nicht, trägt keine noch so schöne Einrichtung. Ein Raum, in den von außen jedes Telefonat dringt, ist kein Ruheraum, egal wie gut er aussieht. Denken Sie an eine schallgedämmte Tür, an absorbierende Flächen an Wand und Decke, im Zweifel an ein Fachurteil. Der Rest der Einrichtung ist Kosmetik, wenn dieser Punkt nicht sitzt.

3

Schritt: Licht, Farbe, Temperatur

Fahren Sie die Reize herunter. Gedämpftes, warmes Licht statt greller Deckenflut, dimmbar. Ruhige, dunklere Farben statt Signalfarben. Und ein, zwei Grad kühler als der Rest des Büros, weil ein leicht kühler Raum das Herunterfahren erleichtert. Wir meinen natürlich die Temperatur, gemessen in Grad Celsius.

4

Schritt: Möbel, die Reize nehmen statt geben

Zum Zurücklehnen, nicht zum Arbeiten. Ein Sessel zum Ausruhen, eine Liege oder eine Schlafkapsel, wenn das Budget es hergibt. Ein paar Pflanzen fürs Auge. Und, so unbequem es klingt, keine Bildschirme. Idealerweise eine kleine Box an der Tür, in der das Handy bleibt. Ein Ruheraum mit Monitor ist ein Meetingraum in Verkleidung.

5

Schritt: Regeln und Betrieb

Der wichtigste und meistvergessene Schritt. Legen Sie fest, dass der Raum nicht für Calls oder Besprechungen buchbar ist. Sonst ist er innerhalb von zwei Wochen wieder ein Meetingraum, nur mit schlechterem Tisch. Ein Ruheraum überlebt nur, wenn er eine einzige Aufgabe behalten darf.

Ruhe schenken.

Es ist ein kostbares Geschenk.

Die häufigsten Fehler

  • Der Raum liegt zu zentral. Neben Küche oder Verkehrsweg kommt keine Ruhe auf.
  • Die Akustik wird zuletzt bedacht. Dann ist sie meist gar nicht bedacht.
  • Er ist buchbar. Sobald man ihn für einen Call reservieren kann, ist er verloren.
  • Es fehlen Regeln. Ohne klare Nutzungsvorgabe setzt sich die lauteste Nutzung durch.
  • Er wird als Wellness verkauft. Wer ihn als Kür verkauft, streicht ihn beim ersten Sparzwang. Er ist notwendige Infrastruktur für konstant gute Leistungen der beschäftigten.
Zwei bequeme Sitzgelegenheiten in hellen Farben mit hohen Abgrenzungen an den Seiten stehen in einem Büro in der Sonne.

Häufige Fragen

Kleiner, als viele denken. Entscheidend ist nicht die Fläche, sondern die Abschirmung. Ein kleiner, wirklich stiller Raum schlägt eine große, halblaute Lounge. Für ein bis zwei Personen reicht oft eine umgewidmete Besprechungsbox, wichtiger als Quadratmeter ist, dass die Tür schließt und von außen nichts durchdringt.

Die Spanne ist groß. Ein umgewidmeter Raum mit Akustik, Licht und ein paar Möbeln ist günstig zu haben. Fertige Schlafkapseln kosten deutlich mehr, je nach Modell im vier- bis fünfstelligen Bereich. Der teuerste Posten ist fast immer die Akustik, und an ihr sollte man zuletzt sparen, weil ohne sie der ganze Raum seinen Zweck verfehlt.

Für reine Büros in der Regel nicht. Ab mehr als zehn gleichzeitig Beschäftigten verlangt die Arbeitsstättenregel ASR A4.2 einen Pausenraum, für Büroräume ist selbst das verzichtbar. Für schwangere und stillende Frauen gilt allerdings unabhängig davon eine gesonderte Pflicht zur Liegemöglichkeit zum Ausruhen.

Nein. Die Küche gibt Reize, der Ruheraum nimmt sie. Beides in einem Raum bedeutet meistens keins von beidem richtig. Wer sich in der Küche erholen will, sitzt zwangsläufig neben dem, der sich dort gerade unterhält.

Ein Pausenraum ist der rechtliche Begriff aus der Arbeitsstättenregel und dient der Pause und dem Essen. Ein Rückzugsraum meint meist einen Ort für konzentriertes, ungestörtes Arbeiten, also stilles Fokussieren, nicht Erholung. Ein Ruheraum dagegen dient allein dem Herunterfahren: kein Essen, keine Arbeit, kein Meeting. Die drei überschneiden sich, aber der Ruheraum ist der einzige, dessen Zweck das Nichtstun ist.

Es geht deutlich einfacher. Schlafkapseln sind komfortabel und signalisieren, dass das Unternehmen das Thema ernst nimmt, aber sie sind kein Muss. Ein ruhig gelegener Raum mit guter Akustik, dimmbarem Licht und einer bequemen Liege oder zwei Sesseln erfüllt denselben Zweck. Die Wirkung kommt aus der Ruhe, nicht aus dem Gerät.

Mit klaren, sichtbaren Regeln und der Entscheidung, ihn nicht buchbar zu machen. Sobald man den Raum für einen Call reservieren kann, verliert er innerhalb weniger Wochen seine Funktion. Hilfreich ist, den Zweck an der Tür zu benennen und bewusst auf Tisch und Bildschirm zu verzichten, damit dort schlicht nicht gearbeitet werden kann.

Am Anfang oft zögerlich, mit der Zeit stark. Erfahrungsberichte aus Unternehmen mit Ruheräumen zeigen ein wiederkehrendes Muster: Zuerst traut sich kaum jemand hinein, weil Ausruhen im Job wie Faulenzen wirkt. Sobald die Nutzung normal ist und von oben vorgelebt wird, sind die Räume regelmäßig belegt. Entscheidend ist, dass die Führung signalisiert, dass Erholung erwünscht ist und nicht heimlich stattfinden muss.

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