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Ein modern eingerichtetes Büro mit farblichen Akzenten und Wandelementen, die den Raum unterteilen.© PALMBERG

CULTURE

KI im Büro: Warum die Wand ihr schlechtes Image verliert

Zwanzig Jahre lang war die Wand der Buhmann der Bürogestaltung. Jetzt kehrt sich ihr Ruf um. Nicht aus Nostalgie – sondern weil eine Maschine die Arbeit so verändert hat, dass die offene Fläche ihr nicht mehr gewachsen ist. Was das für alle heißt, die Räume planen.

von Hannes Hilbrecht

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Über den Autor

Hannes Hilbrecht schreibt seit Jahren über die Zukunft der Arbeit und über klug gestaltete Büros. Unter anderem in inperspective snacks, dem Newsletter-Format von PALMBERG. Alle zwei Wochen schicken wir inspirierende Denkanstöße und spannendes Wissen an Innenarchitektinnen und Planer. Snackable aufbereitet. Auf den Punkt gebracht. Immer unterhaltend und originell.

Jahrzehnte lang hatten Wände einen schlechten Ruf. Man musste sie durchbrechen, überwinden, durchbohren. Sie standen für Enge, für Hürden. Regisseur Fatih Akin nutzte sie als Metapher für seinen bekanntesten Film.

Auch in der Bürogestaltung bekam die Wand einen Mief der Raufasertapeterigkeit. Wer modern sein wollte, riss Wände raus.

Die Wand war nämlich das Alte. Der Chef im Eckbüro. Die Abteilung, die sich einigelt. Hierarchie in Gipskarton. Sie loszuwerden fühlte sich an wie ein moralischer Akt. Wände raus hieß: Wir haben nichts zu verbergen, wir arbeiten zusammen, wir sind flach. Offenheit war nicht nur ein Grundriss. Sie war eine Haltung.

Jetzt dreht sich der Ruf. Leise, aber unaufhaltsam.

Die Wand verliert ihr schlechtes Image. Nicht, weil wir plötzlich wieder graue Zellen lieben. Sondern weil sich unter uns die Arbeit verändert hat – gründlicher, als die meisten Grundrisse mitbekommen haben. Der Bösewicht von gestern wird gerade zur wichtigsten Entwurfsentscheidung von morgen. Und schuld daran ist eine Maschine.

 

Wie die Wand ihren schlechten Ruf bekam

Der Fehler war gut gemeint, und er kam aus Deutschland. Ende der 1950er erfand das Quickborner Team (damals eine junge Beraterfirma bei Hamburg, in der Mathematiker, Ingenieure und Organisationsdenker zusammensaßen und den Arbeitsplatz neu dachten) die »Bürolandschaft«: Schluss mit den starren Zimmerfluchten, stattdessen ein fließender Raum. Schreibtische wie Inseln, Informationen, die frei wandern sollten. Ein schöner, fast schon demokratischer Gedanke. Er eroberte die Welt. Aus der Bürolandschaft wurde der Open Space, das Statussymbol jeder aufgeräumten Firma.

Der Haken steckte von Anfang an im Klang. Ein Raum ohne Wände ist ein Raum ohne Grenzen fürs Geräusch. Verkauft wurde der Großraum als Gespräch. Geliefert hat er Lärm.

Wer je versucht hat, in einem Open Space eine schwierige Zahl zu Ende zu denken, während drei Meter weiter Peter und Silke ihre Wochenendpläne durchtelefonieren, kennt den stillen Verrat dieses Grundrisses.

Die Wand blieb trotzdem eine Art Sündenbock. Bei firmeninternen Kommunikationsproblemen hieß es weiter, dass Wände abgebaut werden müssen. Dabei war nie die Wand das Problem. Das Problem war vielmehr ihre Abwesenheit. Lange fiel das kaum auf, weil die meiste Büroarbeit ohnehin halblaut war: Mails, Tabellen, Abstimmungen im Halbschlaf. Man brauchte den tiefen Fokus selten. Und wenn, dann litt man eben.

Dann kam die KI und hat diese bequeme Mitte weggeräumt.

 

Was die Künstliche Intelligenz dem Grundriss aufträgt

Ein KI-Büro ist eine Arbeitsumgebung, in der die Routinearbeit an die Maschine geht und der Mensch für das Urteilen und das Zusammenarbeiten übrig bleibt. Es ist kein Büro mit mehr Bildschirmen. Es ist ein Büro, das zwei Zustände gleichzeitig aushalten muss.

Der Grund liegt in der Mitte. Genau dort, wo früher die halblaute Fließbandarbeit saß – recherchieren, zusammenfassen, erste Entwürfe bauen, Zahlen sortieren –, arbeitet heute die Maschine. Was übrig bleibt, sind die neuen Enden der Wissensarbeit.

Das eine Ende ist das konzentrierte Urteil. Stimmt das, was die KI ausgespuckt hat? Trägt der Gedanke? Das ist Kopfarbeit in Reinform. Sie verlangt absolute Ruhe.

Das andere Ende ist die Aushandlung. Wohin gehen wir damit, wer macht was, was glauben wir überhaupt? Das ist laut, körperlich, sozial.

Die große internationale Bürostudie des Designbüros Gensler (2026 befragte das Gensler Research Institute über 16.000 Büroarbeitende in 16 Ländern) hat etwas gefunden, das der landläufigen Erwartung widerspricht: Wer KI intensiv nutzt, vereinsamt nicht. Wer viel mit der Maschine arbeitet, rückt im Schnitt sogar näher an sein Team. Die KI vereinzelt die Menschen nicht, sie schiebt sie zusammen – nur in einen Raum, der für dieses Zusammenrücken nie gebaut war.
Denn Ruhe und Reibung vertragen sich nicht auf derselben Fläche. Das offene Büro hat immer versucht, beides auf einmal zu sein. Am Ende war es keines von beidem richtig.

Der neue Auftrag an den Grundriss lautet deshalb nicht „offen oder geschlossen". Er lautet: ein Grundriss, drei Lautstärken. Denken mit der Maschine. Urteilen miteinander. Konzentrieren ohne Störung. Drei Zustände, die sich baulich trennen lassen müssen, damit sie sich nicht gegenseitig fressen. Und Trennung heißt: Wand.

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© PALMBERG

Warum Lärm die teuerste Größe im Büro ist

Hier hört der schöne Diskurs auf und die Physik fängt an. Fokus ist kein Wille. Fokus ist ein Zustand. Und dieser Zustand ist erschreckend zerbrechlich.

Wer aus einer Aufgabe gerissen wird, kommt nicht sauber wieder hinein. Die Aufmerksamkeitsforscherin Gloria Mark hat über zwei Jahrzehnte gezeigt, wie schwer das Zurückfinden fällt. Der Wiedereinstieg ist kein Hüpfer. Er frisst Minuten, nicht Sekunden. Und man kehrt nicht direkt zur Aufgabe zurück, sondern erledigt vorher noch zwei andere Dinge.

Der Haupttreiber dieser Störungen im Büro ist nicht Baulärm auf der Straße, der Presslufthammer, der Rattatazong macht. Es ist die Stimme des Kollegen.

Die Kognitionsforschung nennt das den Irrelevant-Speech-Effekt: Verständliche Sprache im Hintergrund drängt sich in den menschlichen Arbeitsspeicher, ob man will oder nicht. Man kann Musik ausblenden. Ein Gespräch, dessen Worte man versteht, nicht. Das Gehirn hört unfreiwillig mit. Wie stark das die Leistung drückt, hängt genau daran: Je verständlicher das Gespräch am Nachbartisch, desto tiefer der Einbruch bei konzentrierter Arbeit – in Gedächtnis- und Denkaufgaben messbar erheblich. Entscheidend ist also nicht der Pegel, sondern die Verständlichkeit. Großraumbüros liegen im Alltag oft bei 60 bis 65 Dezibel, etwa auf Gesprächsniveau, mit Spitzen darüber.

Das ist die unbequeme Wahrheit hinter jedem schönen Open Space. Akustik ist nicht mehr die Ausstattung, die man am Ende draufsetzt, wenn Budget übrig ist. Akustik ist die Statik des KI-Büros.

Wer den Klang nicht plant, plant den Fokus weg. Und Fokus ist genau das, was in der KI-Ära knapp und teuer geworden ist.

Wie plant man ein KI-Büro? Die Akustik-Leiter

Ein guter Grundriss denkt Lautstärke nicht als Zufall, sondern als Gefälle. Statt einer Fläche, die alles gleichzeitig sein will, braucht das KI-Büro eine Abfolge klar getrennter Zonen. Von der absoluten Stille bis zum erlaubten Krach.

Nennen wir es die Akustik-Leiter. Fünf Stufen vom Flüstern zum Rufen. Jede mit einem Zweck, einem Richtwert (grobe Orientierung, keine Norm) und einem baulichen Mittel.

1

Die Denkzelle (Richtwert rund 35–40 dB). Ein Mensch, allein, im konzentrierten Zwiegespräch mit der Maschine. Braucht echten Schallschutz: Raum-in-Raum, geschlossene Kabine, keine Kompromisse.

2

Die Fokus-Nische (rund 40–45 dB). Stille Einzelarbeit ohne die Enge einer Kabine. Hoch absorbierende Flächen, abschirmende Rückzugsmöbel, Sichtschutz gegen Bewegung.

3

Die Werkzone (rund 48–52 dB). Halboffenes Arbeiten im Zweier- oder Dreierteam. Stellwände, Teppich, Deckensegel. Reibung erlaubt, aber eingedämmt.

4

Der Kollaborationsraum (rund 55–60 dB). Das laute, gemeinsame Ringen: Meetings, Debatte, Entscheidung. Bewusst laut, aber akustisch gekapselt, damit der Krach nicht wandert.

5

Der Marktplatz (60 dB und mehr). Begegnung, Zufall, Kaffee. Hier wird kein Fokus erwartet und keiner geschützt. Der Ort darf leben.

Der Trick liegt nicht in den einzelnen Zonen. Er liegt in ihrer Reihenfolge. Wer die Denkzelle neben den Marktplatz setzt, hat verloren, egal wie gut die Wand dämmt.

Ein KI-Büro plant man wie eine Landkarte der Lautstärke. Laut zu laut, leise zu leise, mit Übergängen dazwischen, die den Bruch abfedern. Das ist die eigentliche Kunst. Und der Punkt, an dem sich gute von mittelmäßiger Planung trennt.

Wer Akustik, Zonierung und bewegliche Wände zusammen denkt, kommt am Ende um den Hersteller nicht herum, der genau diese Logik in Möbel übersetzt. PALMBERG plant Bürowelten von der Zone her, nicht vom einzelnen Tisch. Der Punkt bleibt: Die Wand ist kein Nachgedanke. Sie ist der Anfang.

In einem weitläufigen Büro sitzt eine Frau in einer Box, die zum Telefonieren den Lärm von außen abhält.
© PALMBERG

Als das Büro schon einmal befreit werden sollte

Ein Wort der Warnung. Es kommt aus der eigenen Geschichte der Branche.

1964 baute der Designer Robert Propst beim Hersteller Herman Miller das erste »Action Office«: freistehende Elemente, mit denen sich ein Raum selbst formen ließ, Schluss mit der grauen Reihung. Vier Jahre später, 1968, folgte das Action Office II. Jetzt mit den beweglichen Trennwänden, die Propst als Befreiung dachte: ein Werkzeug für den denkenden Menschen.

Dann kamen die Rechenabteilungen. Aus Propsts Freiheitsversprechen wurde das Cubicle, die enge graue Zelle, in die man Menschen möglichst dicht stapelte, um Fläche zu sparen. Propst hat das bis zuletzt gehasst. Er nannte das Zusammenpferchen »monolithischen Wahnsinn« und seine missbrauchten Kästen »Rattenlöcher«.

Und die Lehre daraus ist unbequem. Jede gute Raumidee lässt sich in ihr Gegenteil verwalten, sobald nur noch die Quadratmeterkosten zählen. Die Denkzelle von heute wird morgen zur teuren Alibi-Box, wenn man sie als Sparposten behandelt statt als Werkzeug. Wer die Akustik-Leiter plant, muss sie gegen den Rotstift verteidigen. Sonst baut man dasselbe Elend noch einmal, nur mit besserem Marketing.

 

Verändert die KI auch den Entwurf selbst?

Ja. Und das ist die stille zweite Revolution.

Dieselbe Technik, die das Büro umkrempelt, verändert auch, wie man es plant. Statt aus Erfahrung zu raten, wie sich Menschen durch einen Raum bewegen, lassen sich Belegung und Wege heute simulieren, bevor die erste Wand steht. Sensordaten aus bestehenden Flächen zeigen, welche Zonen totliegen und welche überrannt werden. Generative Werkzeuge werfen in Minuten Grundriss-Varianten aus, für die man früher Wochen brauchte.

Das nimmt Architektinnen und Architekten nichts weg. Es verschiebt nur, wo ihr Wert liegt. Weg vom Ausprobieren, hin zum Urteil. Und das ist im Dauersprühregen der KI-generierten Ideen kostbarer als je zuvor.

Die Wand ist kein Rückschritt.

Zwei Jahrzehnte lang haben wir geglaubt, Offenheit sei Fortschritt und die Wand sei Vergangenheit. Die Wahrheit war schlichter. Wir hatten nur eine Sorte Arbeit, und die vertrug den Lärm gerade so.

Diese Zeit ist vorbei. Die Maschine wird die halblaute Mitte nach und nach schlucken und uns mit den beiden Enden zurücklassen: der tiefen Stille und dem lauten Miteinander. Ein Grundriss, der beides kann, braucht wieder Grenzen.

Nicht die starren Zellen von früher. Sondern kluge, bewegliche, geplante Wände, die Ruhe schützen und Reibung zulassen, je nachdem, wo man steht.

Die Wand verliert ihr schlechtes Image nicht, weil wir rückwärtsgewandt wären. Sie verliert es, weil die Arbeit erwachsen geworden ist. Und weil ein Raum, in dem man wieder in Ruhe denken kann, das Wertvollste ist, was ein Büro heute bieten kann.

Ein natürlich eingerichtetes Büro mit Stehtischen, das durch eine Trennwand unterteilt wird.
© PALMBERG

Häufige Fragen

Ein KI-Büro ist eine Arbeitsumgebung, die davon ausgeht, dass Routinearbeit von Künstlicher Intelligenz übernommen wird. Der Mensch konzentriert sich auf Urteil und Zusammenarbeit. Räumlich heißt das: klar getrennte Zonen für tiefe Einzelkonzentration und für lautes gemeinsames Arbeiten, statt einer einzigen offenen Fläche für alles.

Der reine Open Space als Standardlösung hat ausgedient. Er kann weder echte Ruhe noch echten Austausch liefern. Die Zukunft gehört gemischten Grundrissen, die offene Begegnungsflächen mit geschlossenen Rückzugs- und Fokusräumen kombinieren. Die Wand kommt zurück, aber als bewegliche, geplante Grenze, nicht als starre Zelle.

Weil die verbleibende menschliche Arbeit – Urteilen und Entscheiden – tiefe Konzentration verlangt, und diese Konzentration extrem störanfällig ist. Vor allem verständliche Sprache im Hintergrund zerstört den Fokus. Deshalb wird Akustik von der Ausstattung zur tragenden Entwurfsentscheidung.

Es beschreibt den Kern des KI-Büros: Der Raum muss drei Zustände gleichzeitig bedienen – konzentriertes Denken mit der Maschine, lautes gemeinsames Aushandeln und stille Einzelarbeit. Diese drei lassen sich nicht auf einer offenen Fläche mischen. Sie müssen akustisch getrennt geplant werden.

Als Orientierung dient eine Abstufung von der absoluten Stille bis zum erlaubten Lärm, in der Praxis etwa fünf Stufen, von der schalldichten Denkzelle über Fokus- und Werkzonen bis zum offenen Kollaborations- und Begegnungsraum. Entscheidend ist weniger die genaue Zahl als die konsequente Trennung von leise und laut.

Nur scheinbar. Offenheit bleibt richtig, für Begegnung und Austausch. Falsch war die Annahme, dass eine offene Fläche auch Konzentration trägt. Das KI-Büro löst den Widerspruch nicht mit weniger Offenheit, sondern mit klarer Trennung: offen, wo Austausch zählt, geschlossen, wo Fokus zählt.

Quellen

  • Gensler Research Institute, 2026 Global Workplace Survey (über 16.000 Befragte in 16 Ländern). Gloria Mark, Forschung zu Aufmerksamkeit und Unterbrechung am Arbeitsplatz, University of California, Irvine.

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