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© PALMBERG

WELLBEING

Wie Räume gute Entscheidungen fördern – oder verhindern

Eine gute Entscheidung ist kein rein geistiger Akt. Sie ist ein körperliches Ereignis, das in einem Raum stattfindet – und der Raum stimmt mit ab. Tischform, Sitzordnung, ob man steht oder sitzt, ob die Wand mithört. Was gute Meetingräume anders machen. Und warum der Standard-Konferenzraum fast perfekt gebaut ist, um die richtige Wahl zu verhindern.

von Hannes Hilbrecht

INP_Autor_Hannes_Hilbrecht

Über den Autor

Hannes Hilbrecht schreibt seit Jahren über die Zukunft der Arbeit und über innovativ gestaltete Büros. Unter anderem in inperspective, dem Magazin von PALMBERG. Dieses Thema behandelten wir zuerst in inperspective snacks. Alle zwei Wochen schicken wir inspirierende Denkanstöße und spannendes Wissen an Innenarchitektinnen und Planer. Snackable aufbereitet. Auf den Punkt gebracht. Immer unterhaltend und originell.

Die teuersten Entscheidungen eines Unternehmens fallen in einem gut ausgestatteten Raum.

Firmen geben für ihre Konferenzräume viel Geld aus. Den langen Tisch aus Echtholz. Den neuesten Screen. Die Videotechnik, die auf Knopfdruck die Kollegin aus Singapur an die Wand wirft. Die Stühle, die auch nach drei Stunden Sitzung nicht drücken. Hier wird investiert, und nicht zu knapp.

Nur: Wird auch richtig investiert?

Denn das Geld fließt fast immer in dasselbe – in Technik und Repräsentation. In das, was einen Raum beeindruckend macht. Kaum ein Euro fließt in das, was einen Raum entscheidungsfähig macht. Dabei ist genau das der Zweck dieses Kastens: Hier werden die folgenreichsten Weichen des Hauses gestellt.

Das wäre halb so schlimm, wäre der Raum ein neutraler Behälter. Ist er aber nicht. Ein Raum ist bei jeder Sitzung ein stiller Teilnehmer. Ein Entscheidungsraum ist genau das: ein Raum, in dem ein Team bewusst Optionen sammelt, sie abwägt und eine Wahl trifft – und der durch seine Form, seine Ordnung und seinen Klang mitbestimmt, wie gut das gelingt. Er entscheidet mit, wer spricht und wer schweigt, wessen Meinung sich durchsetzt und ob eine Gruppe am Ende klüger ist als der lauteste Einzelne – oder nur einiger.

Für Menschen, die Fokuszonen und Lounges planen, steckt darin eine unterschätzte Verantwortung. Und eine Chance.

 

Eine Entscheidung hat zwei Bewegungen

Um zu verstehen, was ein Raum falsch oder richtig macht, muss man wissen, was in einer guten Entscheidung überhaupt passiert. Sie hat zwei Bewegungen, und sie sind Gegensätze.

Zuerst muss man sich öffnen. Optionen sammeln, Einwände hören, parallel denken, auch das Unbequeme auf den Tisch legen. Je mehr echte Alternativen, desto besser die spätere Wahl. Diese Phase lebt von Weite.
Dann muss man sich schließen. Prüfen, gewichten, sich festlegen, eine Sache wählen und alle anderen abschneiden. Diese Phase lebt von Enge und Ruhe.

Das Problem der meisten Räume: Sie können nur eines. Oder nichts von beidem. Sie zwingen das Öffnen und das Schließen in dasselbe Setting – denselben Tisch, dieselbe Sitzordnung, dieselbe Beleuchtung – und ruinieren damit beide. Ein guter Entscheidungsraum atmet. Er kann sich weiten und wieder verengen. Die schlechten stehen still.

 

Welche Tischform passt zu welcher Entscheidung?

Das hängt davon ab, was die Runde leisten soll: zusammenwachsen oder ehrlich streiten. Denn die Form des Tisches ist eine Entscheidung, bevor die erste Entscheidung fällt – das Möbel, das jeder für bloße Ausstattung hält.

Die Marketingforscherinnen Rui Zhu und Jennifer Argo zeigten 2013 etwas Verblüffendes. Allein die geometrische Form einer Sitzordnung verschiebt, wie Menschen denken. Wer im Kreis sitzt, bei dem weckt der Raum das Bedürfnis dazuzugehören – und macht ihn empfänglicher für das, was die Mehrheit sagt. Wer in einer eckigen, kantigen Anordnung sitzt, bei dem weckt der Raum das Bedürfnis, eigenständig zu sein – und macht ihn offener für die abweichende, die Minderheitsmeinung.

Lies das noch einmal. Die runde, gemütliche Runde, die wir für die harmonischste halten, ist zugleich die, die tendenziell am stärksten zur Anpassung drängt. Sie ist großartig, wenn ein Team zusammenwachsen soll. Und sie drängt tendenziell zur Anpassung – heikel dort, wo eine strittige Entscheidung ansteht, bei der der eine leise Zweifel den teuren Fehler verhindern könnte.

Dazu kommt die alte Frage nach dem Kopf der Tafel. Wer dort sitzt, wird als Anführer wahrgenommen – das zeigte schon der Umweltpsychologe Robert Sommer in den Sechzigern. Und der sogenannte Steinzor-Effekt beschreibt, dass wir am stärksten auf die Person reagieren, die uns direkt gegenübersitzt. Sitzordnung ist keine Frage der Höflichkeit. Sie ist eine Vorentscheidung darüber, wessen Stimme Gewicht bekommt.

Das älteste bewusste Argument für eine bestimmte Tischform steckt übrigens in einer Sage. König Artus’ Tafel war der Überlieferung nach rund – angeblich, damit niemand oben und niemand unten saß. Kein Kopf, keine Rangordnung, jede Stimme gleich weit vom Zentrum. Ob es diese Tafelrunde je gab, ist historisch offen. Als Idee aber ist sie bestechend: die runde Form als Absage an die Hierarchie. Wir haben sie gegen den rechteckigen Tisch mit der Chef-Stirnseite eingetauscht und uns dabei etwas verscherzt.

INP_Content_Meetingraum

Sind Walking-Meetings sinnvoll?

Ja – aber nur für die richtige Phase einer Entscheidung. Fürs Öffnen, das Sammeln von Ideen, sind sie stark; fürs Festlegen taugen sie nicht. Und ausgerechnet beim Ideensammeln tut das Büro das Falsche: Es setzt alle hin.

Zwei Stanford-Forschende, Marily Oppezzo und Daniel Schwartz, ließen 2014 Menschen kreative Aufgaben lösen – im Sitzen und im Gehen. Das Ergebnis war deutlich: Beim freien, ideensuchenden Denken war die überwältigende Mehrheit im Gehen kreativer als im Sitzen. Und der Schub hielt an, sogar noch, als man sich danach wieder hinsetzte. Nicht die Umgebung war entscheidend, sondern das Gehen selbst – drinnen wie draußen.

Aber – und das ist die wichtige Feinheit – das gilt nur für die eine Bewegung. Beim Suchen nach vielen Möglichkeiten hilft das Gehen. Beim Finden der einen richtigen Antwort half es nicht, im Gegenteil, es schadete sogar leicht. Übersetzt in den Alltag: Das Walking-Meeting ist Gold für die Phase, in der man Ideen aufmacht. Für die Phase, in der man sich festlegt, gehört man zurück an den Tisch, in die Ruhe. Öffnen im Gehen. Schließen im Sitzen.

Ein Raum, der nur Stühle kennt, verhindert die halbe gute Entscheidung, bevor sie beginnt.

 

Der Raum, in dem Widerspruch überlebt

Kommen wir zum unbequemsten Faktor. Eine gute Entscheidung braucht Widerspruch. Sie braucht den Menschen, der sagt: Ich sehe das anders. Oder schlimmer, weil seltener: Ich weiß es nicht.

Die Harvard-Forscherin Amy Edmondson hat dafür den Begriff der psychologischen Sicherheit geprägt: das geteilte Gefühl, im Team einen Einwand oder einen Fehler aussprechen zu können, ohne dafür abgestraft zu werden. Teams mit dieser Sicherheit entscheiden nachweislich besser, weil bei ihnen das Wissen auf den Tisch kommt, statt aus Angst darunter zu bleiben.

Und hier redet der Raum mit. Psychologische Sicherheit ist eine Frage der Kultur – aber sie hat eine bauliche Voraussetzung. Wer fürchtet, dass beim Widerspruch das halbe Büro mithört, spart sich den Widerspruch. Der gläserne Meetingraum, in dem jeder jede Regung sieht, und die dünne Wand, hinter der jedes Wort mitreist, machen Offenheit teuer. Vertraulichkeit ist hier kein Luxus und keine Geheimniskrämerei. Sie ist die Bedingung dafür, dass ehrlich gestritten werden darf.

Genau an dieser Stelle wird aus einer Verhaltensfrage eine Planungsfrage. Wer Akustik, Abschirmung und den geschützten Rückzug denkt – den Raum-im-Raum, die geschlossene Zelle für das heikle Gespräch –, plant nicht Möblierung. Er plant die Bedingung, unter der ein Team überhaupt gut entscheiden kann. PALMBERG denkt Bürowelten von der Zone her, nicht vom einzelnen Tisch. Der Punkt bleibt: Der Raum ist kein Nachgedanke der Entscheidung. Er ist ihr Fundament.

Zwei Schreibtische, die durch bläuliche Akustikelemente voneinander getrennt sind.
© PALMBERG

Der Raum, der Entscheidungen verhindert

Halten wir das Zerrbild einmal zusammen, denn es steht in fast jedem Unternehmen. Der Standard-Konferenzraum ist, fast möchte man sagen mit Ansage, gebaut, um schlechte Entscheidungen zu erzeugen.

Ein langer, rechteckiger Tisch mit einer klaren Stirnseite: Er weist die Macht zu, bevor jemand spricht. Alle sitzen: Die öffnende, ideensuchende Bewegung fällt aus. Eine Glasfront oder dünne Wände: Widerspruch wird sichtbar und damit riskant. Grelles Deckenlicht, ein Screen, an dem ohnehin schon die erste Meinung prangt und alles Weitere in ihre Richtung zieht. Und über allem der Zeitdruck des nächsten gebuchten Slots.

Dieser Raum kann nur eines gut: schnellen Scheinkonsens um die lauteste Person herum. Also genau das Gegenteil einer guten Entscheidung. Er verhindert sie nicht aus Bosheit, und nicht aus Geiz – in die Technik ist ja investiert. Er verhindert sie, weil das Geld ins Beeindruckende floss und nicht ins Entscheidungsfähige. Weil ihn niemand als das geplant hat, was er in Wahrheit ist: das wichtigste Werkzeug im Haus.

Woran man einen guten Entscheidungsraum erkennt

Ein guter Entscheidungsraum ist kein bestimmter Raum. Er ist ein Raum, der sich verstellen lässt – der atmen kann. Vier Regler entscheiden darüber:

1

Die Form

Rund schweißt zusammen und drängt zur Anpassung. Eckig macht eigenständig und lädt zum Widerspruch. Beides ist richtig – aber nie zufällig. Wähle die Form nach dem, was die Entscheidung braucht: Zusammenhalt oder ehrlichen Streit.

2

Die Haltung

Für das Öffnen, das Sammeln von Ideen: Bewegung, Stehen, Gehen, Wände zum Bekritzeln. Für das Schließen, das Wählen: Sitzen, Ruhe, ein fester Tisch. Ein Raum, der beides ermöglicht, schlägt zwei, die je nur eines können.

3

Der Schutz

Widerspruch braucht Vertraulichkeit. Gute Akustik und echte Abschirmung sind die Voraussetzung dafür, dass Menschen sagen, was sie wirklich denken. Ohne Schutz kein ehrliches Wort.

4

Die erste Stimme

Plane, wer wann spricht, und halte den Screen zu Beginn leer. Die erste sichtbare Zahl, die erste laute Meinung zieht alles Weitere in ihre Richtung – auch die, die eigentlich widersprechen wollten. Ein Raum, der die erste Stimme nicht überhöht, entscheidet freier.

Der Raum entscheidet mit

Wir stellen uns die Entscheidung gern als einsamen, edlen Moment im Kopf vor. Ein Mensch, eine Wahl, ein Willensakt. Die Wahrheit ist unordentlicher und interessanter. Die Entscheidung fällt in einem Raum, unter einer Tischform, in einer Sitzordnung, in einem Lärm- oder Ruhepegel, den jemand geplant hat – oder eben nicht.

Das ist keine Entmündigung. Es ist eine Einladung an alle, die Räume gestalten. Wer den Entscheidungsraum von der Möblierungsfrage zur Entscheidungsfrage erhebt, plant nicht Tische und Stühle. Er plant, wie gut in diesem Haus gewählt wird.

Der Raum stimmt sowieso mit ab. Die einzige Frage ist, ob jemand ihm eine gute Stimme gegeben hat.

Ein farblich dezent eingerichteter Meetingraum, in dem eine Frau den nächsten Termin vorbereitet.
© Palmberg

Häufige Fragen

Ein Raum wirkt auf Entscheidungen über mehrere körperliche und soziale Kanäle: Tischform und Sitzordnung bestimmen, wer als Wortführer wahrgenommen wird und ob sich eine Gruppe eher anpasst oder eigenständig denkt. Bewegung fördert das Sammeln von Ideen, Ruhe das Festlegen. Und Vertraulichkeit entscheidet, ob Widerspruch überhaupt ausgesprochen wird. Der Raum ist damit kein neutraler Behälter, sondern ein stiller Mitentscheider.

Es kommt auf das Ziel an. Eine runde Anordnung weckt das Bedürfnis dazuzugehören und fördert Zusammenhalt und Konsens – gut für Team-Bildung, riskant für strittige Entscheidungen, weil sie zur Anpassung drängt. Eine eckige Anordnung weckt das Bedürfnis nach Eigenständigkeit und macht offener für abweichende Meinungen – gut, wenn ehrlicher Widerspruch gebraucht wird.

Für die öffnende Phase, in der Ideen und Optionen gesammelt werden. Studien zeigen, dass Gehen die kreative, ideensuchende Denkleistung deutlich steigert, und der Effekt hält kurz danach an. Für die endgültige, konvergente Entscheidung sollte man sich hinsetzen – dort hilft Bewegung nicht.

Gute Entscheidungen brauchen Widerspruch, und Widerspruch braucht das Gefühl, nicht vom halben Büro belauscht zu werden. Gläserne Räume und dünne Wände machen Offenheit riskant. Akustische Abschirmung und geschützte Rückzugsräume sind deshalb die bauliche Voraussetzung für ehrliche, offene Debatten.

Weil sie meist nur einen Modus können. Ein rechteckiger Tisch mit Stirnseite weist Macht zu, alle sitzen (die kreative Öffnungsphase fällt aus), Glaswände oder dünne Wände bestrafen Widerspruch, und der Screen setzt früh eine erste Meinung, an der sich alle ausrichten. Das begünstigt schnellen Scheinkonsens um die lauteste Stimme – das Gegenteil einer guten Entscheidung.

Nach dem, was in ihm entschieden werden soll. Wähle die Tischform bewusst (rund für Zusammenhalt, eckig für Widerspruch), ermögliche Bewegung fürs Ideensammeln und Ruhe fürs Festlegen, sorge mit Akustik und Abschirmung für Vertraulichkeit und überhöhe nicht die erste Meinung. Entscheidend ist, dass der Raum zwischen Öffnen und Schließen wechseln kann.

Quellen:

  • Sitzordnung und Persuasion: Rui (Juliet) Zhu & Jennifer J. Argo (2013): Exploring the Impact of Various Shaped Seating Arrangements on Persuasion. Journal of Consumer Research 40(2), 336–349. Kreisförmig primt Zugehörigkeit (Mehrheitsorientierung), eckig primt Einzigartigkeit (Minderheitsorientierung). Hinweis: Persuasionsstudie; der Übertrag auf Gruppenentscheidungen ist plausible Ableitung, kein direkter Befund.
  • Kopf der Tafel / Sitzposition: Robert Sommer (1961): Leadership and Group Geography. Sociometry 24 – Kopfposition und Führungswahrnehmung. Bernard Steinzor (1950): The Spatial Factor in Face-to-Face Discussion Groups. Journal of Abnormal and Social Psychology 45 – stärkere Interaktion mit dem Gegenübersitzenden. Seitenzahlen vor Druck final ziehen.
  • Bewegung und Kreativität: Marily Oppezzo & Daniel L. Schwartz (2014): Give Your Ideas Some Legs: The Positive Effect of Walking on Creative Thinking. Journal of Experimental Psychology: Learning, Memory, and Cognition 40(4), 1142–1152. Gehen steigert divergentes (ideensuchendes) Denken; für das Finden der einen Lösung (konvergentes Denken) kein Vorteil.
  • Psychologische Sicherheit: Amy C. Edmondson (1999): Psychological Safety and Learning Behavior in Work Teams. Administrative Science Quarterly 44(2), 350–383. Die Verbindung zu Akustik/Vertraulichkeit als bauliche Voraussetzung ist redaktionelle Einordnung, kein Studienbefund.
  • Tafelrunde: König Artus’ runde Tafel als kulturhistorisches Sinnbild gleichrangiger Beratung – der Überlieferung nach, historisch nicht belegt. Als Bild, nicht als Faktum.
     

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